Bürger:innenbeteiligung an der Verkehrswende: Potentiale & Grenzen für Akzeptanz und Nachhaltigkeit

In diesem im Handbuch Verkehrspolitik erscheinenden Beitrag fassen Tobias Escher, Laura Mark und Katharina Holec den Stand der Forschung zur Wirkung von kommunaler Bürger:innenbeteiligung an der Verkehrswende zusammen.

Zusammenfassung

Kommunen setzen bei der Planung der Verkehrswende zunehmend auf konsultative Formate der Bürger:innenbeteiligung. Damit ist die Erwartung verbunden, die Akzeptanz dieser in der Öffentlichkeit häufig kontrovers diskutierten Maßnahmen zu fördern und die Planung durch neue Ideen zu verbessern. Wie der Artikel darstellt, gibt es dafür bislang jedoch kaum empirische Evidenz. Die bisherige Forschung zeigt, dass sich die Hoffnungen zwar immerhin teilweise erfüllen lassen, dies aber von einem noch unzureichend verstandenen Zusammenspiel von Faktoren abhängt.

Ergebnisse

  • Öffentliche Institutionen setzen zunehmend auf die Beteiligung der Bürger*innen an der Verkehrsplanung. Dabei wird die Öffentlichkeit eingeladen, Ideen zu entwickeln oder Rückmeldung zu bestehenden Planungen zu geben. Im Rahmen dieser invited spaces haben Bürger*innen ausschließlich eine beratende Funktion und keine Entscheidungsgewalt. Diese Formate werden von den Bürger*innen eingefordert und sind insbesondere mit der Hoffnung verbunden, mit Hilfe der lokalen Expertise zu besseren Policy-Entscheidungen zu gelangen sowie die Akzeptanz der häufig kritisch diskutierten Verkehrswendemaßnahmen zu erhöhen. Der Beitrag zeigt auf, dass es dafür bislang an belastbarer Evidenz mangelt.
  • Auf Basis der im Projekt CIMT durchgeführten Forschung lässt sich ein Einfluss von Konsultationen auf die Einstellungen der Bürger:innen nachweisen, der jedoch nicht immer positiv ist. So sind vor allem diejenigen, die aktiv am Partizipationsprozess teilnehmen, häufiger unzufrieden mit den beschlossenen Maßnahmen und den dafür verantwortlichen Akteuren.
  • Auch wenn für die Zufriedenheit mit den lokalen Entscheidungsträger:innen die Bewertung beschlossenen Maßnahmen am wichtigsten ist, so zeigt sich die Relevanz der Konsultation eben gerade bei denjenigen, die ihre Interessen nicht (vollständig) durchsetzen können. Denn auch diese bewerten die lokalen Verantwortlichen besser, wenn sie mit dem Beteiligungsprozess zufrieden sind. Für diese positiven Effekte ist es nicht nötig, selbst aktiv teilgenommen zu haben. Auch Personen, die den Prozess nur beobachten und diesen positiv wahrnehmen, sind am Ende zufriedener mit den Maßnahmen und mit den Verantwortlichen.
  • Auf Ebene der inhaltlichen Wirkung zeigt sich, dass konsultative Beteiligung inhaltlich wirken und wertvoll für die Verkehrswende sein kann, alleine aber in vielen Fällen für den benötigten Wandel nicht ausreicht. Gerade weil öffentliche Institutionen im Rahmen von „Invited Spaces“ keine Entscheidungsmacht abgeben, kann damit nur begrenzt das etablierte autozentrierte Planungssystem aufgebrochen werden. Hier sind „Claimed Spaces“ unter den richtigen Umständen eher in der Lage, Druck auf Entscheidungsträger:innen aufzubauen, wie dies beispielsweise durch den Radentscheid in Hamburg geschah.

Publikation

Escher, Tobias, Laura Mark, und Katharina Holec. 2026. „Bürger:innenbeteiligung an der Verkehrswende: Potentiale & Grenzen für Akzeptanz und Nachhaltigkeit“. In Handbuch Verkehrspolitik, Hrsg. Oliver Schwedes, Alexander Rammert, und Kerstin Stark. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, 1–19. doi:10.1007/978-3-658-04777-1_66-1.

Bürger*innenbeteiligung in der Verkehrswende: Wie Konsultationen Einstellungen und Zufriedenheit beeinflussen

In diesem Artikel in der Zeitschrift Journal für Mobilität und Verkehr beschäftigen sich Tobias Escher und Katharina Holec mit der Frage des Einflusses von Konsultationen auf politische Einstellungen. Dabei werden die Effekte der Teilnahme an einem Konsultationsverfahren sowie der Bewertung des Konsultationsverfahrens in den Fokus gestellt.

Zusammenfassung

Kommunale Mobilitätsprojekte erzeugen häufig Konflikte, da Maßnahmen zur Verkehrswende unterschiedliche Interessen berühren. Beteiligungsprozesse sollen dazu beitragen, diese Konflikte abzufedern – doch wie wirken sie sich tatsächlich auf die Einstellungen der Bevölkerung aus?

Der zugrunde liegende Forschungsbeitrag untersucht Mobilitätskonsultationen in Hamburg, Marburg und Offenburg. Die zentrale Erkenntnis: Nicht nur das Planungsergebnis, sondern auch die Ausgestaltung des Beteiligungsverfahrens beeinflusst die Zufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger sowie ihre Einstellungen gegenüber politisch Verantwortlichen. Besonders positiv wirken transparente, nachvollziehbare und gut informierende Prozesse – und zwar nicht nur auf die Teilnehmenden selbst, sondern auch auf Personen, die lediglich vom Verfahren gehört haben.

Ergebnisse

Die Befragungen zeigen, dass Mobilitätskonsultationen durchaus Effekte auf Zufriedenheit und Akzeptanz haben, diese jedoch heterogen ausfallen:

  • Wer mit den beschlossenen Maßnahmen zufrieden ist, bewertet auch die politischen Akteure deutlich positiver.
  • Der Beteiligungsprozess wirkt zusätzlich – auch ohne aktive Teilnahme. Eine gute Beteiligung erhöht die Zufriedenheit mit Akteuren wie Rat oder Stadtverwaltung selbst dann, wenn die Maßnahmen nicht den eigenen Interessen entsprechen.
  • Aktive Teilnahme geht zunächst mit größerer Unzufriedenheit einher. Eine gute Prozessgestaltung kann diese jedoch spürbar reduzieren.
  • Trotz unterschiedlicher Städte und Verfahren zeigen sich ähnliche Muster: Die Wahrnehmung des Prozesses ist für die Bewertung ebenso relevant wie das Ergebnis selbst.

Insgesamt verdeutlicht die Analyse, dass Beteiligung allein die Konflikte der Verkehrswende nicht auflösen kann. Eine gut gestaltete Konsultation verbessert jedoch sowohl die Zufriedenheit mit den Maßnahmen als auch die Bewertung politischer Verantwortlicher – und zwar über die Gruppe der tatsächlichen Teilnehmenden hinaus.

Publikation

Escher, Tobias; Holec, Katharina (2026): Bürger*innenbeteiligung an der Verkehrswende: Die Wirkungen von Konsultationen zur Verkehrsplanung auf die Einstellungen der Bevölkerung. Journal für Mobilität und Verkehr (26): 22–30. DOI: 10.34647/jmv.nr26.id243.

Veröffentlichung: Socio-spatial justice through public participation? A mixed-methods analysis of distributive justice in a consultative transport planning process in Germany

Aus unserer Präsentation auf dem Jahreskongress der AESOP (Assosiation of European Schools of Planning) im Jahr 2022 folgte nun eine Veröffentlichung in der Zeitschrift Case Studies on Transport Policy. Unter Verwendung qualitativer und quantitativer Daten wurde der Beitrag zu sozial-räumlicher Gerechtigkeit für das Fallbeispiel des konsultativen Planungsprozesses an der Elbchaussee in Hamburg untersucht.

Zusammenfassung

Das Verkehrssystem trägt zu erheblichen sozialräumlichen Ungerechtigkeiten bei, sowohl durch seine Umweltauswirkungen als auch durch die strukturelle Benachteiligung bestimmter Gruppen. Während die lokale Verwaltung zunehmend Elemente der Öffentlichkeitsbeteiligung in Planungsprozesse einbeziehen, bleibt unklar, ob dies zu mehr sozialräumlicher Gerechtigkeit führen.
Um dieser Frage nachzugehen, untersucht die Studie sozialräumliche Gerechtigkeit als Verteilungsgerechtigkeit und geht der Frage nach, wie konsultative Planung zur Nachhaltigkeit beiträgt und die Bedürfnisse benachteiligter Gruppen berücksichtigt. Zu diesem Zweck wird der Fall des Elbchaussee Umbaus in Hamburg, Deutschland, analysiert.

Auf der Grundlage qualitativer und quantitativer Daten, darunter Experteninterviews und einer Befragung, kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass der Planungsprozess zu Verbesserungen geführt hat, wie z. B. bessere Bedingungen für Fußgänger und Radfahrer, die die ökologische Nachhaltigkeit fördern und unter anderem nicht-männlichen Personen zugute kommen. Diese Ergebnisse bleiben jedoch hinter den (teilweise progressiveren) Erwartungen der Teilnehmer zurück, und die wenigen positiven Veränderungen können nicht direkt mit dem Beitrag der Öffentlichkeit in Verbindung gebracht werden.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die derzeitigen Verfahren der Öffentlichkeitsbeteiligung nicht automatisch zu mehr sozialräumlicher Gerechtigkeit führen. Um dies zu erreichen, bedarf es inklusiverer Beteiligungsformate, größerer Einflussmöglichkeiten für die Teilnehmer und eines expliziteren Fokus auf sozialräumliche Gerechtigkeit in der Planung.

Ergebnisse

  • Der konsultative Planungsprozess führte insgesamt zu Maßnahmen, die einen kleinen Beitrag zur sozialräumlichen Gerechtigkeit leisten, da sie den Wandel zu einer nachhaltigeren Mobilität unterstützen und einigen benachteiligten Gruppen zugute kommen, wenn auch beides in begrenztem Maße.
  • Wir stellen fest, dass das Konsultationsverfahren keinen wesentlichen Einfluss auf die Planung hatte. Was die sozialräumliche Gerechtigkeit betrifft, so lassen sich keine positiven Auswirkungen auf das Konsultationsverfahren zurückführen. Vor allem diejenigen, die an der Konsultation teilgenommen haben, berichten tatsächlich von einer geringeren Zufriedenheit mit den Maßnahmen.
  • Wir führen diese begrenzten Beiträge auf einige allgemeine Merkmale von Konsultation und des derzeitigen Planungssystems zurück, stellen aber auch fest, dass in dem Fallbeispiel der Umfang der möglichen Einflussnahme aufgrund externer Beschränkungen und Machtungleichgewichte sehr begrenzt war.

Publikation

Mark, L., Holec, K., & Escher, T. (2025). Socio-spatial justice through public participation? A mixed-methods analysis of distributive justice in a consultative transport planning process in Germany. Case Studies on Transport Policy , 20, Article 101467. https://doi.org/10.1016/j.cstp.2025.101467

Wie kann konsultative Bürger*innenbeteiligung die kommunale Verkehrswende unterstützen? Empfehlungen der SÖF-Forschungsgruppe CIMT

Die Erkenntnisse aus den verschiedenen Erhebungsansätzen und analytischen Perspektiven der Forschungsgruppe wurden integriert zu einer Sammlung von empirisch fundierten Empfehlungen dazu, wie konsultative Bürger*innenbeteiligung die kommunale Verkehrswende unterstützen kann. Insgesamt wurden sieben Hauptempfehlungen formuliert, die durch 20 konkrete Handlungsimpulse ergänzt werden. Für jede Hauptempfehlung werden eine Reihe von Thesen formuliert, die mit Hilfe der Erkenntnisse aus dem Projekt empirisch gestützt werden.

Auszug aus Empfehlungen mit Übersicht über die sieben Hauptempfehlungen

Zu den Handlungsempfehlungen der Forschungsgruppe.

Ergebnisse unserer Erhebungen in Marburg (MoVe 35): Abschlusspräsentation

Im Rahmen eines gemeinsamen digitalen Austausch mit der Stadtverwaltung der Stadt Marburg (u.a. Bürger*innenbeteiligung und Verkehrsplanung) am 25. September 2024 stellte die Forschungsgruppe die Ergebnisse der Erhebungen im Zusammenhang mit dem Beteiligungsverfahren zum Mobilitäts- und Verkehrskonzept MoVe 35 vor. Das Projekt MoVe 35 war eines von insgesamt fünf Planungsvorhaben, die von der Forschungsgruppe CIMT über mehrere Jahre intensiv untersucht wurden, um die Wirkungen von konsultativer Bürger*innenbeteiligung u.a. auf politische Einstellungen zu untersuchen.

Im Rahmen des Planungsverfahrens wurden verschiedene Beteiligungsformate durchführt, z.B. eine Online-Befragung, Workshops, ein Projektbeirat oder ein Online-Dialog zum ÖPNV. Im Zusammenhang mit dem Mobilitätskonzept wurde außerdem ein (Rats-)Bürgerentscheid durchgeführt. Nähere Informationen zum Projekt MoVe 35 und den durchgeführten Beteiligungsformaten finden sich auf der Website der Stadt Marburg.

Dieses Planungs- und Beteiligungsverfahren wurde von der Forschungsgruppe CIMT der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf unabhängig (d.h. ohne Auftrag und Einflussnahme seitens der Stadt Marburg) untersucht, vor allem mit Hilfe von Umfragen unter den Einwohner*innen in Marburg. Dazu wurde in Marburg unter anderem in den Jahren 2021 und 2024 jeweils ein zufällig ausgewählter Teil der Bevölkerung befragt. Weitere Informationen zu den Befragungen der Forschungsgruppe finden Sie hier.

Ausgewählte Ergebnisse

  • Die Verkehrspolitik und die Verkehrswende sind – wie in allen unseren untersuchten Projektgebieten – Konfliktthemen. In Marburg besteht dabei aber ein besonders deutlicher Gegensatz zwischen den Bildungsgruppen. Zum Beispiel lehnen Personen ohne Abitur es mehrheitlich ab, zukünftig den Platz für den Autoverkehr zu verringern, während sich das fast die Hälfte der Personen mit Abitur vorstellen kann.
  • Im Beteiligungsverfahren waren Befürworter*innen und Gegner*innen der Verkehrswende ähnlich stark vertreten. Auffällig war, dass sich in Marburg überdurchschnittlich viele Autofahrende beteiligt haben.
  • Die im Rahmen von Move 35 vorgesehenen Maßnahmen werden von Personen mit Abitur mehrheitlich positiv bewertet, um die Ziele nachhaltiger Mobilität zu erreichen – im Gegensatz zu Personen ohne Abitur.
  • Die sehr unterschiedlichen Einschätzungen der beiden Bildungsgruppen werden auch deutlich beim (geplanten) Abstimmungsverhalten für den Bürgerentscheid zur Halbierung des PKW-Verkehrs: Personen mit Abitur sind mehrheitlich dafür, Personen ohne Abitur mehrheitlich dagegen, Teilnehmende am Konsultationsverfahren gespalten.
  • Die Zufriedenheit mit den lokalen Institutionen (Oberbürgermeister, Stadtverwaltung, Rat) war insgesamt zwar etwas besser als in anderen Projektgebieten, hat sich aber von 2021 bis 2024 bei Personen ohne Abitur deutlich verschlechtert.
  • Die Informationen zum Beteiligungsverfahren hat einen großen Teil der Bevölkerung erreicht. Beteiligt haben sich dennoch vor allem hoch gebildete Männer mittleren Alters – typisch für konsultative Beteiligung. Es hatte einen relativ großen Einfluss auf die Zufriedenheit der Bürger*innen mit Oberbürgermeister, Verwaltung und Rat. Wie zu erwarten werden Personen, die die Maßnahmen von MoVe 35 begrüßen, eher zufriedener, wer die Maßnahmen ablehnt, äußert dagegen größere Unzufriedenheit.

Präsentation zum Download

Eine aufbereitete Form der Ergebnispräsentation kann hier heruntergeladen werden:

Ergebnisse unserer Erhebungen in Offenburg (OG 2035): Abschlusspräsentation

In einem gemeinsamen Termin mit Vertreter*innen aus den Bereichen Stadtentwicklung und Verkehrsplanung der Stadt Offenburg stellte die Forschungsgruppe am 11. Oktober 2024 die Ergebnisse der Erhebungen im Zusammenhang mit dem Beteiligungsverfahren zum Masterplan Verkehr OG 2035 vor. Der Masterplan Verkehr OG 20235 war eines von insgesamt fünf Planungsvorhaben, die von der Forschungsgruppe CIMT über mehrere Jahre intensiv untersucht wurden, um die Wirkungen von konsultativer Bürger*innenbeteiligung u.a. auf politische Einstellungen zu untersuchen.

Im Rahmen des Planungsverfahrens wurden verschiedene Formate durchführt, z.B. Online-Dialoge, Workshops, lokale Foren, Jugendbeteiligung sowie die Einrichtung von Pop-Up Maßnahmen. Nähere Informationen zum Projekt OG 2035 und den durchgeführten Beteiligungsformaten finden sich auf der Website der Stadt Offenburg.

Dieses Planungs- und Beteiligungsverfahren wurde von der Forschungsgruppe CIMT der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf unabhängig (d.h. ohne Auftrag und Einflussnahme seitens der Stadt Offenburg) untersucht, vor allem mit Hilfe von Umfragen unter den Einwohner*innen in Offenburg. Dazu wurde in Offenburg unter anderem in den Jahren 2021 und 2023 jeweils ein zufällig ausgewählter Teil der Bevölkerung befragt. Weitere Informationen zu den Befragungen der Forschungsgruppe finden Sie hier.

Ausgewählte Ergebnisse

  • Verkehrspolitik und die Verkehrswende sind in Offenburg Konfliktthemen – genauso wie in allen anderen untersuchten Projektgebieten. Im Beteiligungsverfahren waren alle Meinungen vertreten, die Befürworter*innen der Verkehrswende allerdings etwas stärker und auch seltener Autonutzende.
  • Die Zufriedenheit mit den lokalen Institutionen (Oberbürgermeister, Stadtverwaltung, Rat) ist insgesamt eher durchschnittlich (und etwas schlechter als in anderen Projektgebieten) und hat sich vor allem von 2021 bis 2023 deutlich verschlechtert.
  • Die im Rahmen des Masterplan OG 2035 beschlossenen verkehrlichen Maßnahmen stellen nicht alle Interessen zufrieden, aber insgesamt ist nur eine Minderheit (20-25%) wirklich dagegen. Personen, die am Beteiligungsverfahren teilgenommen haben, bewerten die Ergebnisse insgesamt positiver.
  • Wie bei den meisten offenen Beteiligungsformaten sind die Teilnehmende nicht repräsentativ für die Bevölkerung. Vertreten sind vor allem Personen mit Abitur, mittleren Alters und Männer.
  • Das Beteiligungsverfahren hatte einen (vergleichsweise geringen) und insgesamt negativen Einfluss auf die Zufriedenheit mit der lokalen Politik und Verwaltung, wobei die Stadtverwaltung gerade von den Konsultationsteilnehmenden positiver als OB und Rat bewertet wurde. Wie zu erwarten werden Personen, die die Maßnahmen von OG 2035 begrüßen, eher zufriedener, wer die Maßnahmen ablehnt äußert dagegen größere Unzufriedenheit.

Präsentation zum Download

Eine aufbereitete Form der Ergebnispräsentation kann hier heruntergeladen werden:

Ergebnisse unserer Erhebungen in Hamburg-Altona (Sanierung Elbchaussee): Abschlusspräsentation

In einem gemeinsamen Termin mit einer Vertreterin des Landesbetrieb, Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) der Freien und Hansestadt Hamburg stellte die Forschungsgruppe am 15. Mai 2023 die Ergebnisse der Erhebungen im Zusammenhang mit dem Beteiligungsverfahren zur Sanierung der Elbchaussee (Elbchaussee Dialog) vor. Die Sanierung der Elbchaussee war eines von insgesamt fünf Planungsvorhaben, die von der Forschungsgruppe CIMT über mehrere Jahre intensiv untersucht wurden, um die Wirkungen von konsultativer Bürger*innenbeteiligung u.a. auf politische Einstellungen zu untersuchen.

Im Rahmen des Planungsverfahrens wurden verschiedene Beteiligungsformate durchführt, z.B. Online-Dialoge und Workshops. Nähere Informationen zum Elbchaussee Dialog und den durchgeführten Beteiligungsformaten finden sich auf der Website des LSBG.

Dieses Planungs- und Beteiligungsverfahren wurde von der Forschungsgruppe CIMT der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf unabhängig (d.h. ohne Auftrag und Einflussnahme seitens der Stadt Hamburg) untersucht, vor allem mit Hilfe von Stakeholder-Interviews sowie Umfragen unter den Einwohner*innen in Altona. Dazu wurde in ausgewählten Stadtteilen in Altona im Jahr 2021 ein zufällig ausgewählter Teil der Bevölkerung befragt. Weitere Informationen zu den Befragungen der Forschungsgruppe finden Sie hier.

Ausgewählte Ergebnisse

  • Die Teilnehmende am Beteiligungsverfahren hatten einen hohen sozialen Status (Bildung, Einkommen), waren deutlich älter, oft männlich – Radfahrende und Autofahrende!
  • Motiv für Beteiligung insbesondere: Einfluss auf Entscheidung nehmen.
  • Es wird tendenziell ein mangelnder Einfluss der Beteiligung auf die politische Entscheidung wahrgenommen.
  • Dies deckt sich mit den Ergebnissen durch die Stakeholder-Interviews und die Dokumentenanalyse. Auch hier zeigt sich eine eher geringe Policy-Wirkung der Konsultation.
  • Besonders hinderlich waren dabei Restriktion durch Paradigmen und Vorgaben von höheren politischen Ebenen.
  • Das Planungsverfahren und seine Ergebnisse wurden von der Öffentlichkeit insgesamt dennoch durchaus positiv bewertet, aber die Teilnehmende zeigen eine negativere Einschätzung der Ergebnisse des Planungsverfahrens.
  • Das Verfahren hat einen Einfluss auf Zufriedenheit mit lokalen Institutionen.

Es ist zu beachten, dass die Präsentation im Wesentlichen den Stand der Erkenntnisse im Frühjahr 2023 darstellt. Seitdem wurden zusätzliche Auswertungen durchgeführt. Ausführlicher werden die Ergebnisse dieser Fallstudie daher in der Dissertation von Laura Mark vorgestellt.

Präsentation zum Download

Akzeptanz für Transformationsprojekte durch Bürgerbeteiligung? Ein Plädoyer für mehr Realismus

In diesem Beitrag im eNewsletter des Netzwerk Bürgerbeteiligung plädieren Tobias Escher, Katharina Holec und Laura Mark für einen realistischeren Blick auf die Rolle von Bürger*innenbeteiligung bei der Nachhaltigkeitstransformation. Anhand von vier Thesen erläutern Sie, dass die vielfach mit Beteiligung verbundene Hoffnung auf Konfliktlösung der Rolle von öffentlichen Konsultationen nicht gerecht wird, diese aber trotzdem unverzichtbar bei der politischen Gestaltung der Transformation sind.

Zusammenfassung

Der Beitrag stellt insgesamt vier Thesen auf, die jeweils mit Befunden aus der Forschung des CIMT-Projekts untermauert werden. Diese lauten im Einzelnen:

  • These 1: Bürger*innenbeteiligung kann zu einer Annäherung und zu gegenseitigem Verständnis führen, in der Regel aber nicht zu einem Konsens über grundlegende Interessenkonflikte.
  • These 2: Bürger*innenbeteiligung vermittelt ein Bild über existierende Interessen und Bedenken, aber keinen repräsentativen Eindruck der öffentlichen Meinung
  • These 3: Die Beteiligungsergebnisse garantieren keine Unterstützung nachhaltiger Transformationsmaßnahmen.
  • These 4: Bürger*innenbeteiligung ist eine Unterstützung, aber kein Ersatz für politische Entscheidungen.

Damit wird Bürger*innenbeteiligung aber nicht verzichtbar! Statt dessen kann gute Beteiligung unterstützen, indem sie informiert und so z. B. Widerstände abbaut, die vor allem auf Unwissenheit beruhen. Darüber hinaus nutzt sie das lokale Wissen, um Probleme zu erkennen und ggf. neue Ideen zu entwickeln. Schließlich bietet sie ein Forum, in dem Wünsche und Sorgen vorgebracht und Argumente ausgetauscht werden können. Das kann dazu führen, dass es weniger Protest gibt. Sie kann Konfliktlinien klarer herausarbeiten und dabei helfen die Ursachen für die Konflikte besser zu verstehen. Bürgerbeteiligung kann damit zum Umgang mit den der Transformation inhärenten Konflikten beitragen, aber wird sie in der Regel nicht auflösen. Bürgerbeteiligung bleibt nicht zuletzt demokratisch geboten, denn weitreichende Entscheidungen sollten durch die Bürger/innen mitgestaltet werden können.

Publikation

Escher, Tobias; Holec, Katharina; Mark, Laura (2024): Akzeptanz für Transformationsprojekte durch Bürgerbeteiligung? Ein Plädoyer für mehr Realismus. Hg. v. Stiftung Mitarbeit. Bonn (eNewsletter Netzwerk Bürgerbeteiligung, 02/2024). Online verfügbar hier.

(ebenfalls erschienen in: Transformation demokratisch gestalten: Beteiligung und Mitwirkung auf dem Weg zu mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit, herausgegeben von Stiftung Mitarbeit, Bd. 17. mitarbeiten.skript. Bonn, 2024)

Ergebnisse unserer Erhebungen in Hamburg-Ottensen (freiRaum Ottensen): Abschlusspräsentation

In einem gemeinsamen Termin mit Vertreter*innen des Bezirksamts Altona (Hamburg) stellte die Forschungsgruppe am 7.12.2023 die Ergebnisse der Erhebungen im Zusammenhang mit dem Projekt freiRaum Ottensen vor. FreiRaum Ottensen war eins der fünf Projekte, in denen Befragungen und Interviews durchgeführt wurden. Der Fokus lag dabei auf den Konsultationsformaten, an denen die allgemeine Öffentlichkeit teilnehmen konnte. Nähere Informationen zum Projekt freiRaum Ottensen und den durchgeführten Beteiligungsformaten finden sich hier.

Ausgewählte Ergebnisse

  • Die Bevölkerung in Ottensen sieht größtenteils Verbesserungsbedarf beim Verkehr und steht der Verkehrswende insgesamt relativ positiv gegenüber.
  • Rund 50% der Bevölkerung hat vom Partizipationsverfahren zu freiRaum Ottensen gehört, ca. 16% haben teilgenommen. Im Vergleich mit anderen Verfahren sind das relativ hohe Werte, wobei trotz breiter und zielgruppenspezifischer Angebote die übliche Überrepräsentation von Personen mit Abitur, Männern und Personen älterer Jahrgänge festzustellen ist.
  • Die Diskussion in den Beteiligungsveranstaltungen wurde als konstruktiv und respektvoll wahrgenommen, dennoch wurden Konflikte und Lücken bei der Repräsentation aller Interessen wahrgenommen.
  • Der Policy-Prozess wurde in diesem Projekt vergleichsweise weit für die Bürger*innen geöffnet und die Beteiligung konnte das Planungsergebnis inhaltlich mitgestalten.
  • Für rund ein Drittel der Bevölkerung und für die Hälfte der Teilnehmenden hatte das Beteiligungsverfahren einen Einfluss auf die Zufriedenheit mit dem Bezirksamt. Allerdings war der Einfluss nicht immer positiv: Zum Beispiel war jede*r vierte Teilnehmer*in am Ende zufriedener mit dem Bezirksamt, aber genau so viele waren auch weniger zufrieden.
  • Zwei Drittel der Bevölkerung beurteilen die beschlossenen Maßnahmen positiv.
  • (Aussagen zur Bevölkerung beziehen sich in der Regel auf die Teilgruppe der Personen mit Abitur – siehe detaillierte Informationen zur Repräsentativität der Befragungen)

Präsentation zum Download

Eine aufbereitete Form der Ergebnispräsentation kann hier heruntergeladen werden:

KI zur Auswertung von Beteiligung? Das Potenzial von Sprachmodellen zur Erkennnung von Verkehrsmitteln in Beteiligungsbeiträgen

In diesem Artikel in der Zeitschrift Internationales Verkehrswesen stellen Laura Mark, Julia Romberg und Tobias Escher ein Sprachmodell vor, mit dessen Hilfe Verkehrsmittel in Beteiligungsbeiträgen zuverlässig erkannt werden. Sie zeigen damit, dass überwachtes maschinelles Lernen die Auswertung von Beteiligungsbeiträgen mobilitätsbezogener Online-Beteiligungsverfahren sinnvoll unterstützen kann.

Zusammenfassung

Konsultationen sind ein wichtiger Bestandteil der Verkehrsplanung und können dazu beitragen, Wissen aus der Bevölkerung in den Planungsprozess zu integrieren. Insbesondere durch Onlineformate kommen allerdings oft große Mengen an Beiträgen zustande, deren gründliche Auswertung ressourcenintensiv ist. Mit dem Einsatz von KI wird die Hoffnung verbunden, diese zu unterstützen.

Das in diesem Artikel vorgestellte Sprachmodell beruht auf dem Konzept des überwachten maschinellen Lernens zur Textklassifikation. Dabei werden vortrainierte Modelle mithilfe kleinerer Datensätze nachtrainiert. So kann ein Modell an einen speziellen Anwendungsbereich, wie beispielsweise verkehrsplanerische Konsultationsprozesse, angepasst werden.

Hier wurde eine vortrainierte deutschsprachige Version des leistungsfähigen RoBERTa Sprachmodells als Ausgangspunkt genommen. Anhand eines Kategorisierungsschemas, das hauptsächlich nach erwähnten Verkehrsmitteln unterscheidet, wurden 1.700 Beiträge aus sieben verkehrsplanerischen Konsultationsprozessen manuell kodiert. Die so entstandenen Daten wurden zum Teil als Trainingsdaten zum Fine-Tuning des Sprachmodells und zum Teil zur Evaluation genutzt.

Ergebnisse

  • Insgesamt konnte gezeigt werden, dass sich bereits heute verfügbare Sprachmodelle eignen, um die Auswertung von Konsultationsprozessen in der Praxis zu unterstützen. Das hier entwickelte Sprachmodell zur Erkennung der Verkehrsmittel kann dabei als Basis für eine konkrete Anwendung dienen.
  • Das nachtrainierte RoBERTa-Sprachmodell ist sehr gut in der Lage, die passenden Verkehrsmittel zuzuordnen. Das von uns vorgestellte Modell kann zuverlässig immer deutlich über 90% der Beiträge korrekt den darin genannten Verkehrsmitteln zuordnen.
  • Für die Verfahren, auf deren Beiträgen das Modell trainiert worden war, konnten im Durchschnitt 97% der Kategorien korrekt zugeordnet werden (auf einem separaten Testset). Für Beiträge aus anderen verkehrsbezogenen Beteiligungsverfahren konnten mit einer Genauigkeit von 91 bis 94% weiterhin sehr zuverlässig die passenden Verkehrsmittel zugeordnet werden.
  • Die Leistung des Modells verschlechtert sich also kaum, wenn es auf bislang unbekannte Daten aus mobilitätsbezogenen Beteiligungsverfahren angewandt wird. Das bedeutet, dass eine manuelle Kodierung im Vorfeld zumindest bei ähnlich aufgestellten Beteiligungsverfahren entfallen kann, was den Aufwand deutlich reduziert.

Publikation

Mark, Laura; Romberg, Julia; Escher, Tobias (2024). KI zur Auswertung von Beteiligung? Das Potenzial von Sprachmodellen zur Erkennung von Verkehrsmitteln in Beteiligungsbeiträgen. In: Internationales Verkehrswesen 76 (1): 12-16. DOI: 10.24053/iv-2024-0003